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Logbuch

Alle auf die Straße!

Seit März 2021 erscheint in der Reihe »Logbuch Utopiastadt« regelmäßig eine Kolumne aus Utopiastadt im Wuppertaler Lokalteil der Westdeutschen Zeitung. Und hier auf der Seite.

Diese Kolumne ist von David J. Becher:

Logbuch 0.79

Das Schild, das auf die Abfahrt Elberfeld hinweist, steht ungefähr da, wo meine Mutter wohnte, als sie ins Gymnasium ging. Das Haus musste der Autobahn weichen.

Über die Jahre, in denen ich mich in Utopiastadt engagiere, bin ich mehr und mehr mit Stadtentwicklung in Berührung gekommen. Gleichsam wuchs meine Verwunderung, wie es in den 60ern möglich war, so viel Asphalt mitten durch eine lebendige Stadt zu planieren, damit dort jetzt jeden Morgen hunderte Kraftfahrzeuge im Stau stehen können. Dafür wurde Sonnborn geschlachtet und in der ganzen Stadt massenhaft Häuser enteignet. Zum Beispiel das, in dem meine Mutter ihre Jugend verbrachte.

Als Utopist und Amateurstadtentwickler habe ich nun zur Heilung sowohl für die persönliche familienbiographische Lücke, als auch für die stadtweite Wunde, stetig die Vision im Kopf, dass es irgendwann eine Grünbrücke vom Utopiastadt-Campus ins Hansa-Viertel braucht, um eine Verbindung von Nordbahntrasse bis Mirker Hain zu schaffen … – Aber zurück ins Heute:

Die A46 ist ein besonders drastisches Beispiel von eher desturktiver Stadtentwicklung. Wesentlich sanfter – und doch hochemotional debattiert – ist eine andere stadtgestalterische Frage, die sich auch mit dem motorisierten Individualverkehr befasst: Wo parken wir all die Autos? Meist lautet die Standardantwort: Am Straßenrand. Aber ist das schon die beste Antwort, die uns einfällt? Dass alle, die sich ein Auto leisten können, sofort auch Anspruch auf 12m² öffentliche Fläche haben? Könnten wir die Flächen nicht besser nutzen?

Jahr für Jahr kann man einen Tag vor und am Morgen nach dem Ölbergfest bestaunen, wie viel schöner ein Gründerzeitviertel ist, wenn nicht alle Straßen und Gehsteige vollgestellt sind. Und am Ölbergfest selber wird klar: Nachbarschaftliche Sofas, Klappstühle, Kicker, Tischtennisplatten, Marktstände und Bühnen sind auch eine tolle Nutzung für öffentliche Straßen und Plätze.

Allerdings sind ja all die vielen Autos zunächst einmal da. Und müssen irgendwo abgestellt werden. Genau dazu haben sich Studierende der Architektur an der IU Internationalen Hochschule für ihre Bachelor-Arbeiten konkrete Gedanken gemacht. Und auf dem Utopiastadt Campus zwischen Logistikhalle und Autobahn einen Mobilitätshub konzipiert. Eine Auswahl der Arbeiten ist noch bis Ende August n den Räumen des Innenstadtmanagements in der Schwanenstraße 33 ausgestellt – passenderweise mitten in der Fußgängerzone.

Mit spannenden Überlegungen, was mit einem Parkhaus passieren kann, wenn wir vielleicht doch mal eine nennenswerte Verkehrswende schaffen. Auch, wenn alle Entwürfe nur den Charakter einer Ideenskizze haben und noch keine Plansätze für tatsächliche Bauten auf dem Utopiastadt Campus sind, lohnt es sich sehr, die vielen Ideen anzusehen und sehr ernsthaft mit in die aktuellen Debatten über Parkraumkonzepte oder Mobilitätsstrukturen in der Stadt zu nehmen.

Auch, wenn zu meinem großen Bedauern bei keinem der Entwürfe eine Grünbrücke vom Parkhausdach über die A46 dabei ist.


Erstveröffentlicht am 13.08.2026 in der Printausgabe der WZ: https://www.wz.de/nrw/wuppertal/mirke-mobility-oder-alle-auf-die-strasse_aid-153067857

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