10 Jahre Fienchen
Seit März 2021 erscheint in der Reihe »Logbuch Utopiastadt« regelmäßig eine Kolumne aus Utopiastadt im Wuppertaler Lokalteil der Westdeutschen Zeitung. Und hier auf der Seite.
Diese Kolumne ist von Christoph Grothe:
Logbuch 0.75
»Kann man dieses Rad eigentlich mieten?« Die Frage kommt an einer roten Ampel, irgendwo zwischen Barmen und Elberfeld, ganz beiläufig von einem Passanten auf dem Gehweg. Ich sitze auf Fienchen, warte auf Grün und muss lächeln, weil in diesem einen Satz eigentlich die ganze Geschichte unseres Projekts steckt. Denn was heute für viele wie eine selbstverständliche Option wirkt, war vor zehn Jahren vor allem eine Idee, ein Experiment und für uns die große Hoffnung, dass Wuppertal bereit ist, Mobilität auch einmal anders zu denken.
Als wir Ende 2015 mit den Planungen für Fienchen I begonnen haben, wussten wir nicht, ob aus dieser Idee wirklich ein funktionierendes System werden würde. Wir wussten nur, dass wir ein freies Lastenrad für Wuppertal wollten: niedrigschwellig, solidarisch, alltagstauglich. Also haben wir ein Crowdfunding vorbereitet, uns ein Lastenrad aus Köln geliehen, ein Video auf der Nordbahntrasse gedreht und im Hutmacher unseren Kick-off veranstaltet. Dass die Wuppertaler:innen damals so begeistert reagieren würden, hat uns ehrlich überrascht. Innerhalb kurzer Zeit war Fienchen I finanziert, und im April 2016 ging das Rad an den Start.
Aus diesem Anfang ist über die Jahre viel mehr geworden, als wir anfangs zu hoffen gewagt hätten. Zu Fienchen I kamen Fienchen II, Fienchen III und Fienchen IV hinzu, dazu Pina, E-Mil und weitere Räder für ganz unterschiedliche Einsätze: für Einkäufe, Kindertransporte, größere Lasten oder einfach für die Erfahrung, dass ein Alltag ohne Auto in dieser Stadt tatsächlich funktionieren kann. 2019 ist aus dem Umfeld von Fienchen außerdem die erste Wuppertaler Schokofahrt entstanden, ein Projekt, das mir besonders am Herzen liegt. Mit unseren Rädern fair produzierte Schokolade emissionsfrei in die Stadt zu bringen, war für mich die logische Erweiterung dessen, wofür Fienchen immer stand: praktisch etwas verändern, statt nur darüber zu reden.
Am meisten freue ich mich aber darüber, dass Fienchen heute nicht nur aus Rädern besteht, sondern aus einer lebendigen Community. Da sind Menschen, die die Räder an den Stationen verleihen. Da sind Menschen, die sich um Wartung und Reparaturen kümmern, Schäden prüfen, Bremsen nachstellen und Räder wieder flott machen. Andere halten organisatorisch alles zusammen, beantworten Anfragen oder übernehmen Schichten. Und wieder andere programmieren an der Webseite, damit Buchungen, Standorte und Abläufe im Hintergrund überhaupt funktionieren. Genau diese Vielfalt trägt Fienchen bis heute. Manche kennen Fienchen nur von der Buchung her. Ich sehe dahinter Gesichter, Hände und Ideen: Menschen, die Schlüssel übergeben, Routen erklären, Ersatzteile besorgen, Texte schreiben und dafür sorgen dass alles verlässlich läuft.
Die Ampel springt auf Grün, der Passant wartet noch auf meine Antwort. Ich nicke ihm zu und denke, wie schön es ist, dass aus einer kleinen Idee eine stadtweite Einladung geworden ist: »Ja, das Rad kann man seit zehn Jahren mieten!«
Erstveröffentlicht am 09.04.2026 in der Printausgabe der WZ: https://www.wz.de/suche/logbuch utopiastadt