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Logbuch

Kultur bauen

Seit März 2021 erscheint in der Reihe »Logbuch Utopiastadt« regelmäßig eine Kolumne aus Utopiastadt im Wuppertaler Lokalteil der Westdeutschen Zeitung. Und hier auf der Seite.

Diese Kolumne ist von David J. Becher:

Logbuch 0.78

Utopiastadt ist eine Baustelle. Utopiastadt ein ein Kulturort. Utopiastadt ist ein andauernder Gesellschaftskongress mit Ambitionen und Wirkung. Das Erste sieht man, sobald man sich dem Bahnhof Mirke nähert. Das Zweite ist eine Zuschreibung, mal von innen, mal von außen, weil es hier Kunst- und Kulturveranstaltungen gibt und »irgendwie kreativ« gearbeitet wird. Das Letztere ist unser tiefes Selbstverständnis als Ort, der mit der Utopie die Schwierigkeit bis Unmöglichkeit des Erreichens großer Ideale im Blick behält, aber nie aufgibt (Ambitionen); als Ort, der weiß, dass alles, was getan oder nicht getan wird, einen Effekt auf die Umgebung hat (Wirkung) – und vor allem als Ort, an dem genau dieses Spannungsfeld nicht ignoriert oder wegorganisiert wird, sondern als durchgehende Realität verstanden und als täglicher Arbeitsauftrag ernst genommen wird (andauernder Gesellschaftskongress).

Viele große Worte zum Kolumneneinstieg. Aber wir hatten auch großen Besuch: Die Bundesstiftung Baukultur hat auf ihrer Sommerreise am Montag Station in Utopiastadt gemacht. Nach Führungen über den Utopiastadt Campus und natürlich durch die verschiedenen Bahnhofsbaustellen, saßen wir in lockerer Runde in der Sonne und diskutierten. Das Gespräch lief bunt von den Leiden des Bauherren an überregulierten Normen bis hin zu Fragen nach der Hierarchie von Prozess und Ergebnis. Und natürlich über die Bedeutung von Kultur im Bauen.

Sowohl Kultur als auch Bauen sind grundsätzliche Prägungen der Menschheit – und beide, so meine steile These für heute, hervorgebracht aus der Sesshaftwerdung: Da wurde es relevant, den Schutz vor Witterung nicht an idealen Orten zu suchen, sondern an frei gewählten Orten herzustellen. Und die Gebrauchsgeschichte des Wortes Kultur weist darauf hin, dass es zuerst zur Beschreibung des landwirtschaftlichen Anbaus genutzt wurde. Baukultur stütz sich also in der wörtlichen Bedeutungsherkunft auf zwei Grundbedürfnisse des Menschen: Hausen und Essen. Während das im Nomadenleben jeweils gesucht wurde, musste es danach hergestellt werden. Durch Haus- und Ackerbau. 
Knapp 22.000 Jahre später haben Menschen dann hier einen Bahnhof erbaut. Und nochmal etwa 140 Jahre danach bedurfte es einiger utopischer Impulse, um dieses wunderbare Stück Baukultur mit ebensolcher wieder nutzbar für alle zu machen. 
Folglich haben wir hier beides: Baukultur als Manifest, aus einer Zeit, in der präzise Fachwerk-Holzverbindungen von großer Handwerkskunst zeugten, in der mit Zeit und Muße wunderschöne Bleiglasfenster gefertigt wurden, und in der jedes Stückchen hölzerner Fassadenverkleidung mit Verzierung versehen wurde. 
Und Baukultur als Vorgang, indem gleichzeitig bezahlte Fachleute und hingebungsvolle Menschen im Ehrenamt an der Wiederherstellung des Bahnhofsgebäudes arbeiten. 

Die Bundesstiftung ist auf ihrer Sommerreise weiter gezogen. Die Baukultur bleibt. Und alle können Teil davon werden: Jeden Samstag ab 11 Uhr pflegen wir hier die Kultur des gemeinsamen Bauens. Bau mit!


Erstveröffentlicht am 09.07.2026 in der Printausgabe der WZ: https://www.wz.de/nrw/wuppertal/kultur-bauen-und-gemeinsam-baukultur-pflegen_aid-151222371


Gemeinsam Utopiastadt bauen:

Hauptgebäude Sanierung