Seit März 2021 erscheint in der Reihe »Logbuch Utopiastadt« regelmäßig eine Kolumne aus Utopiastadt im Wuppertaler Lokalteil der Westdeutschen Zeitung. Und hier auf der Seite.
Diese Kolumne ist von Nils Kohnen:
LOGBUCH 0.73
Jeden Samstag ab 11:00 Workout in Utopiastadt – für viele ein fester Termin im Kalender, analog oder digital, im Kopf verankert oder erinnert durch die regelmäßige Nachricht von Ralf oder Frieda: »Ich bring dann mal Brötchen mit«.
Neben den vier Bundesfreiwilligendienstleistenden und den Utopist*innen, die fast immer dabei sind, kommen interessierte Menschen aus der Nachbarschaft und solche, die den Bahnhof noch aus früheren Zeiten kennen. Alle mit dem gleichen Ziel: Gemeinsam Gebäude und Flächen für alle herzurichten. Denn jeden Samstag heißt es am Bahnhof Mirke, km 13,6 der Nordbahntrasse: Anpacken, plaudern, schaffen, lernen, staunen – und schmausen!
Die Planung startet schon freitags beim Workout-Treffen in der alten Gepäckabfertigung (GPA). Neben der Priorisierung der Arbeitsaufgaben ist die spannende Frage: Was essen wir? Manches steht fest – morgens Brötchen, abends wird gegrillt. Aber was gibt es dazu? Nur Grillgut ist langweilig und es gibt gute Köch*innen unter den Ehrenamtlichen. Also überlegen wir gemeinsam: Welche Ansprüche gibt es, was ist noch da, was liegt im Foodsharing-Kühlschrank, was ist saisonal und regional verfügbar?
Es soll vegan sein, was Warmes, angepasst an Unverträglichkeiten und Essgewohnheiten. Ohne Kokosnuss, ohne Tomate, ohne Nüsse, lieber kein frischer Knoblauch und ohne Alkohol. Praktisch wäre, dass Geschirr und Besteck leicht zu reinigen sind – also lieber kein Reis. Bleibt da echt nur noch Suppe? Mitnichten! Curry, Nudeln mit Bolognese, Kürbis in allen Varianten, eine Gemüsepfanne oder etwas aus einer entfernten Küche. Und ja, natürlich auch mal eine Suppe mit Salat.
Davor noch das Frühstück: Wie viele Menschen kommen? Wie viele Brötchen brauchen wir – mehr als 2,25 pro Person? All die Fragen stellen sich jede Woche aufs Neue. Tatkräftige Utopist*innen vertiefen sich in die Suche nach Antworten, entwickeln Prozesse und bringen sich gegenseitig mit Wissen, Rat und Tat weiter. Dazu das Spontane: Es fehlt ein Gewürz – aber es gibt ja auch noch die Küche im Coworking. Dazu bringen immer Leute noch etwas mit, das das vorhandene Essen ergänzt.
Und irgendwie steht man immer gemeinsam in der Küche. Egal was es wird – es schmeckt immer hervorragend. Vielleicht wegen der Zutaten, mit Sicherheit wegen der Sorgfalt, mit der auch die fünfzehnte Karotte ebenso hingebungsvoll gewürfelt wird, wie jede voherige. Und wegen der vielen Menschen, die kurz pausieren, Ideen einbringen – sei es Rosmarin aus dem Garten oder das Messer welches in der Werkstadtt noch einmal frisch geschliffen wird – damit die Zwiebeln nicht so im Auge brennen. Selbst wenn das Essen nicht punkt 17 Uhr fertig ist, wird es gemeinsam gegessen, begleitet von Geschichten und diesem schwer beschreibbaren Gefühl gemeinsamer Zeit.
Vom Planen über das Zusammensuchen und Zubereiten bis hin zum gemeinsamen Essen entsteht jedes Workout-Essen als gemeinsames Erlebnis – getragen von vielen Händen, Ideen und Begegnungen. Und genau das macht es jeden Samstag aufs Neue besonders.
Erstveröffentlicht am 12.02.2026 in der Printausgabe der WZ: https://www.wz.de/suche/logbuch utopiastadt
Die Sanierung mit einer Spende unterstützen: https://www.wirwunder.de/project/123625